Fast jede/r Hundehalter*in kennt das Problem: sobald es nach draußen geht, wird ein Schalter im Kopf des Hundes umgelegt. Es wird viel geschnüffelt, viel gezogen, mal nach links, mal nach rechts, mal mit einem großen Ruck nach vorne, teils noch gepaart mit hektischem Bellen. Die Spaziergänge werden anstrengend, die Anspannung überträgt sich auf Dich, 2m Leine, 1m Leine, Geschirr, Halsband, der Hund wird in die Vollausstattung gepackt, damit Du ihn besser halten kannst. So soll das natürlich nicht sein. Ich möchte heute ein paar Mythen aufklären und Dir ein paar Tipps und Tricks an die Hand geben, mit denen eure Spaziergänge in Zukunft wieder für Mensch und Tier schöner werden.
Nein, Dein Hund ist nicht stur, er ist nicht eigensinnig, nicht unfair und die Ohren sind auch nicht nur Deko. Das Ziehen hat eine häufige Ursache: Dein Hund möchte ans Ziel kommen. Die gut riechende Pipistelle von Hündin Lotta, der Rabe, der eben aus dem Gebüsch hochgeflattert ist, die Wiese, auf der ihr immer zusammen spielt. Die Erregung ist hoch, der Drang, schnellstmöglich an dieses Ziel zu kommen noch viel höher. Deinem Hund wurde nie explizit beigebracht, so eine Erregung auszuhalten. Die Erwartungshaltung wurde ja immer erfüllt, sei es durchs reine „Ziehen lassen“ oder auch durch verfrühtes Abmachen der Leine, weil „ach, die 10m kann er ruhig schonmal vorlaufen, bevor ich jetzt durch die Gegend gezogen werde“.
Natürlich kann es auch sein, dass Du einen Angsthund hast. Der hochfliegende Rabe hat ihn erschreckt und er möchte schnellstmöglich in die andere, weniger bedrohliche Richtung laufen. Den Bauarbeitern am Ende der Straße mit ihrer lauten Rüttelplatte möchte Dein Hund gar nicht erst begegnen, sondern lieber einen großen Bogen um sie laufen, um an euer Ziel zu kommen.
Wichtig ist, dass Du verstehst, warum Dein Hund zieht. Hunde sind, wie wir Menschen, super individuell.
„Er zieht, weil er der Chef sein will“
Falsch. Hunde sehen uns Menschen nicht als „Teil ihres Rudels“, sie können sehr wohl zwischen Artgenossen und Menschen differenzieren. Dein Hund möchte Dich nicht durch Ziehen dominieren um zu beweisen, wer den längeren Atem hat.
„Eine kurze Leine löst das Problem“
…und kann ganz schnell in einem Besuch beim Tierarzt enden, weil durch den starken Zug, der auf Wirbelsäule und Kehlkopf ausgeübt wird, irreversible Schäden angerichtet werden können.
„Der Hund muss sich einfach nur auspowern“
Natürlich möchte er das gerne tun, aber selten an der (kurzen) Leine. Auspowern bedeutet Kopfarbeit, langes Laufen, ggf. sogar joggen. Vor allen Dingen muss Dein Hund aber verstehen, warum er nicht ziehen soll und Du musst ihm erklären, welches Verhalten an der Leine und welches im Freilauf erwünscht ist. Ein müder Hund, der auf dem Rückweg einwandfrei an der Leine läuft tut dies nicht, weil er durch das Auspowern auf einmal verstanden hat, dass er nicht mehr ziehen soll.
„Mit einem Halti oder Würgehalsband ist das Problem erledigt“
Bitte bitte BITTE lasst die Finger von solchen unsinnigen „Hilfstools“!! Das um die Nase liegende Halti sorgt im Zug für extreme Schmerzen bei Deinem Vierbeiner und kann zu massiven Schäden an der Halswirbelsäule führen. Ein Würgehalsband ohne eingebauten Stopp schnürt Deinem Hund die Luft ab – da muss ich nicht wirklich erklären, warum es kein geeignetes Erziehungstool ist, oder? Solche Dinge zerstören nicht nur den Körper Deines Hundes, sondern auch das Vertrauen, welches zwischen euch aufgebaut wurde. Bleib fair im Training, auch wenn es frustrierend sein kann! Du hast das große 1×1 auch nicht an einem Tag fehlerfrei aufsagen können.
„Er weiß genau, was er falsch macht“
Wie soll er das denn wissen, wenn er nie vernünftig eines Besseren belehrt wurde? Hunde handeln aus einem Trieb heraus und aus Gewohnheit, niemals um Dich absichtlich zu nerven oder zu verletzen!
Mal darf der Hund ziehen, mal nicht.
Wichtig ist es, konsequent zu bleiben. Es nützt Dir nichts, wenn Dein Hund mal ziehen darf und dann auf einmal nicht mehr. Hilfreich kann es hier sein, klare Regeln am Halsband und bspw. am Geschirr zu etablieren. Am Halsband darf nicht gezogen/sich gelöst werden, am Geschirr darf der Radius der Leine genutzt werden, ohne zu ziehen.
Du hast zu hohe Erwartungen an Deinen Hund.
Auch wenn es drinnen mit wenig bis gar keiner Ablenkung einwandfrei funktioniert hat, kannst Du das nicht direkt auch auf die Außenwelt projizieren. Manchmal gibt es gute Tage, manchmal aber auch schlechte, nicht jeder Tag ist gleich und nur, weil Du eine Woche lang konsequent warst, heißt das nicht, dass Dein Hund jetzt alles perfekt verinnerlicht hat.
Du trainierst nur während des Spazierengehens.
Viele Gerüche, viele Geräusche, andere Hunde, Menschen, Fahrradfahrer, Kinder, Vögel, Wildtiere bedeuten auch viel Ablenkung. Wenn Du möchtest, dass sich etwas richtig festigt, kannst Du es nicht unter schwersten Bedingungen trainieren. Starte drinnen oder in der gewohnten Umgebung, wie bspw. dem Garten.
Du belohnst Deinen Hund nicht genug.
Im Training sollten selbst die kleinsten Fortschritte belohnt werden, sei es mit einem Markerwort, Leckerli oder intensiven Streicheleinheiten, je nachdem was Dein Hund bevorzugt. Nehme Nichts als selbstverständlich hin und kommuniziere deutlich, wenn etwas super gut gelaufen ist.
Eure Spaziergänge beginnen bereits mit viel Aufregung.
Du bist mit Deinem Hund an einen schönen, ruhigen Wald gefahren zum Gassigehen. Die Kofferraumklappe öffnet sich und Dir entgegen kommt wildes Gefiepe, mehrere Rausspringversuche, Hecheln, evtl. sogar erregtes Bellen. Wenn Du Deinen Hund in so einer Situation direkt in den Spaziergang gehen lässt, wird seine Aufmerksamkeit nie bei Dir sein.
Du bist zu ungeduldig.
Nehmen wir mal an, dass Dein Hund ca. 2 Jahre alt ist und bis jetzt immer an der Leine ziehen durfte. Dieses Verhalten konnte sich erfolgreich über wichtige Entwicklungsphasen und einen langen Zeitraum hinweg etablieren. Jetzt hast Du entschieden, dass Du dieses Verhalten ändern möchtest. Nein, es wird nicht innerhalb von 2 Wochen funktionieren. Sei Deinem Hund gegenüber nicht unfair.
Ruhig und konsequent bleiben.
Konsequenz bedeutet nicht den Hund anzuschreien oder gar mit Leinenruck zu versuchen, ihm Angst einzujagen, wenn der mal wieder nach vorne prescht. Bleib kurz stehen, sammle Deine Gedanken, atme tief durch. Vor euch liegt ein langwieriger Prozess des Trainings. Wenn gar nichts mehr geht, breche die Trainingseinheit lieber mit etwas ab, was Dein Hund bereits gut kann (bspw. Kommandoabfrage von „Sitz“, „Platz“ o.Ä.) und geht nach Hause.
Achte auf den richtigen Trainingszeitpunkt.
Dieser ist nicht nach einem ausgiebigen Spiel mit einem Artgenossen, an besonders heißen oder kalten Tagen, bei sichtlichem Unwohlsein Deines Hundes (bspw. Durchfall bei der ersten Morgenrunde) oder wenn Du nur Zeit hast für eine 20-minütige Löserunde. Plane genug Zeit ein, achte auf ein möglichst reizarmes Umfeld und sei auch Du im richtigen Mindset.
Achte auf die richtige Trainingsdauer.
20 bis 30 Minuten intensives Training reichen den meisten Hunden bereits, um mental ausgelaugt und nicht mehr bereit für mehr zu sein. Wenn Du am Anfang eures Trainings stehst, reichen oftmals schon 5 bis 10 Minuten, in denen Dein Hund überhaupt erstmal verstehen soll, was Du gerade von ihm möchtest.
Hunde sind super individuell. Sie können jagdlich oder hütend ambitioniert sein, gerade in der Pubertät stecken oder noch im Welpenalter. Sie können bereits einen negativen Start ins Leben gehabt haben, aus dem Sich negative Erfahrungen im Wesen festgesetzt haben. Es gibt keine 08/15 Lösung, die man auf jeden Hund anwenden kann. Wenn Du Dir zu unsicher bist, im eigenständigen Training keine Erfolge erzielst oder sich sogar eine Aggression bei Deinem Hund ausbreitet, sobald ihr ins Training startet, suche Dir bitte professionelle Hilfe – gerne auch bei mir! 😊
Das war’s, bis zum nächsten Mal!
Eure Pilar von Pfotenphilosophie